Neuscholastik - Teil 2: Historischer Abriss

Veröffentlicht auf von Bonaventura

Nach den Prolegomena folgt nun ein kurzer geschichtlicher Abriss der Neuscholastik. Ein solcher wird vor allem für den mit der Materie nicht vertrauten Leser von Nutzen sein. Es sollen in knappen Worten die Entwicklungen der 100 Jahre, die der Neuscholastik zu existieren vergönnt waren, aufgezeigt werden.

 


I. Die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts


Die katholische Wissenschaft des 18. Jhdts. war von einem massiven Bruch mit der Tradition geprägt. Gedanken neuer philosophischer Systeme, v.a. des Rationalismus, drangen auch in Theologie und (christliche) Philosophie ein. Auch die ersten Jahrzehnte des 19. Jhdts. brachten noch keinen großen Umschwung, wenngleich es bei vielen Gelehrten wenigstens zu einer Teilrevision ihrer rationalistischen Anschauungen kam. So entstanden verschiedene Denkrichtungen, die man unter dem Oberbegriff „Semirationalismus“ zusammenfassen kann. Namhafte Vertreter dieses Semirationalismus, um nur einige zu nennen, sind: Johann Sebastian von Drey, Georg Hermes, Anton Günther und Johann Baptist Hirscher. Dabei ist Ersterer der Begründer der sog. „Tübinger Schule“, die auch als Ganze nicht völlig frei von semirationalistischen Gedanken geblieben ist. Diese Tatsache ist wohl der Grund, warum diese Theologen die katholische Wissenschaft nicht von Grund auf zu restaurieren vermochten. Die Anbindung an die Aufklärungsphilosophie war immer noch zu stark, die an die katholische Tradition zu schwach. P. Franz Lakner S.J. bezeichnet die Tübinger Schule als „sehr wertvolle Helferin“ der wissenschaftlichen Restaurationsbewegung innerhalb der katholischen Kirche, die jedoch „den katholischen Wissenschafts- und Kulturgrundsätzen nicht vollends gerecht“ wurde.

 

II. Die wahre Restauration der katholischen Wissenschaft


An einigen Orten in Spanien und Italien war die Verbindung zur theologischen und philosophischen Tradition auch im 18. und beginnenden 19. Jhdt. noch lebendig. So kam es schon vor den Kundgebungen der Päpste ab Pius IX. zu einem erneuten Aufschwung der scholastischen Wissenschaft. Zentrum der aufstrebenden Restaurationsbewegung wurde Rom, wo sich ab den 1830er Jahren eine theologische Richtung entwickelte, die man später als „Römische Schule“ bezeichnet hat (die Frage, inwiefern es angebracht ist, die „Römische Schule“ nicht der Neuscholastik zuzurechnen, muss hier dahingestellt bleiben; es bietet sich sicher an anderem Ort noch Gelegenheit, darauf einzugehen). Ihre Hauptvertreter sind Giovanni Perrone S.J., Carlo Passaglia (1859 aus der S.J. ausgetreten), Clemens Schrader S.J. und Johann Baptist Franzelin S.J. (seit 1876 Kardinal). Die theologische Grundausrichtung der Römischen Schule war in Anlehnung an Dionysius Petavius S.J. (17. Jhdt.) mehr positiv als spekulativ, auch wenn das spekulative Element durchaus nicht zu kurz kam (und es durchaus nicht unbeträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Vertretern gab). Von entscheidender Bedeutung war dabei der Rückgriff auf die theologischen und philosophischen Reichtümer der Tradition, wobei bei den Theologen der Römischen Schule die Kirchenväter eine herausragende Rolle spielten. Vom strengen Thomismus späterer Jahre ist hier noch nicht viel zu spüren. Der vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. oft gebetsmühlenartig wiederholte Vorwurf des völlig ungeschichtlichen Denkens entbehrt jeglicher Grundlage (siehe die Entkräftung dieses Vorwurfs durch Karl Heinz Neufeld S.J.).

Besondere Verdienste um die Restauration der Scholastik hat sich der ebenfalls lange Jahre in Rom lebende und lehrende Joseph Kleutgen S.J. erworben, der jedoch nicht zur Römischen Schule zu zählen ist, obwohl er mit dieser schon auf Grund seiner Ordensangehörigkeit in Kontakt stand. Die beiden Werke Theologie der Vorzeit und Philosophie der Vorzeit, in denen sich Kleutgen intensiv mit den Lehren von Georg Hermes, Johann Baptist Hirscher und Anton Günther befasst, zeigen, über welch umfassende Kenntnisse sowohl der traditionellen wie auch der gegenwärtigen Wissenschaft Kleutgen verfügte. Große Autorität in den Werken Kleutgens kommt dem hl. Thomas von Aquin zu, jedoch keineswegs in einem ausschließlichen Sinn. Wie die Jesuitentheologen von Anfang an hat auch Kleutgen sich einige Freiheit gegenüber dem Aquinaten bewahrt und steht in einigen Punkten durchweg auf Standpunkten großer ordenseigener Theologen wie Francisco Suarez S.J. oder Luis de Molina S.J. Die Kirchenväter kennt auch er ausgezeichnet und lässt ihre Lehren durchweg in seine Werke mit einfließen.

Nicht unerwähnt bleiben darf der große deutsche Theologe Matthias Joseph Scheeben, der durch sein Studium in Rom mit der theologischen Erneuerungsbewegung in Berührung gekommen ist. Die Anregung zum intensiven Studium der Kirchenväter, der lateinischen wie auch der griechischen, ging von seinen römischen Lehrern aus (v.a. Passaglia, Franzelin und Schrader). Aber auch dem hl. Thomas von Aquin und vielen anderen katholischen Gelehrten galt sein Interesse, ebenso auch zeitgenössischen Denkrichtungen, wie der der Tübinger Schule. Kontroversen hat Scheeben nicht nur mit Theologen wie Ignaz von Döllinger ausgefochten, sondern auch mit seinen vormaligen römischen Lehrern. Er war ein selbständiger und lebendiger Geist, dabei von tiefer Frömmigkeit und der heiligen Kirche treu ergeben.

Dieser fruchtbaren Erneuerung kirchlicher Wissenschaft brachten auch die Päpste größtes Wohlwollen entgegen. Als Höhepunkt und gleichzeitig Meilenstein für die weitere Entwicklung darf gewiss die Enzyklika Aeterni Patris von Papst Leo XIII. vom 4. August 1879 angesehen werden, die ein einziger Lobpreis auf Person und Lehre des hl. Thomas von Aquin ist. Derselbe Papst gab auch die nach ihm benannte Neuausgabe der Werke des Aquinaten, die Editio Leonina, in Auftrag. Von ebenso großer Bedeutung ist die kritische Edition der Werke des hl. Bonaventura, die von den Franziskanern von Quaracchi besorgt wurde. Zu eben dieser Zeit begann ein weiterer Wissenschaftszweig innerhalb der katholischen Kirche aufzublühen: die historisch-kritische Wissenschaft. Man widmete sich vor allem der Erforschung der mittelalterlichen Scholastik, aber auch anderer Epochen. Bahnbrecher auf diesem Gebiete waren v.a. Franz Ehrle S.J. (ab 1922 Kardinal) und Heinrich Denifle O.P., die herausragendes geleistet und die Grundlagen für die weitere Forschung gelegt haben. Gerade Gelehrte wie die beiden eben genannten haben genau erkannt, dass die historische Forschung eine große Bereicherung und ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Erneuerung innerhalb der katholischen Kirche ist. Dem kam die Öffnung der Vatikanischen Archive für die Wissenschaft im Jahre 1881 durch Papst Leo XIII. sehr entgegen (Präfekt der Archive war damals der große Kirchengeschichtler Joseph Kardinal Hergenröther).

So lässt sich sagen, dass in den letzten Jahrzehnten des 19. Jhdts. sowohl Lehre als auch Forschung mächtigen Aufschwung nahmen, ermöglicht durch die wohlwollende Förderung der Päpste Pius IX. und Leo XIII. Ob und inwiefern die eindeutige Bevorzugung der Lehre des hl. Thomas von Aquin durch die bereits erwähnte Enzyklika Papst Leo XIII. Folgen gezeitigt hat, die durchaus nicht erfreulich waren, ist schwer zu beurteilen. Auch darauf wird in späteren Artikeln noch etwas näher eingegangen werden.

 


III. Der Beginn des 20. Jahrhunderts


Die Förderung der neuscholastischen Bewegung und vor allem der Lehre des hl. Thomas von Aquin setzte sich auch unter den Päpsten nach Leo XIII. fort. Das Pontifikat Pius X. war gekennzeichnet durch kirchliche Reformen einerseits und dem Kampf gegen den Modernismus, der sich in Teilen der Kirche auszubreiten drohte, andererseits. Dabei stellt Pius X. klar und deutlich dem Modernismus die thomasische Philosophie entgegen. Im Jahr 1914, dem letzten seines Pontifikats, erlässt Pius X. die sog. 24 Thesen, die eine Zusammenstellung der wesentlichen philosophischen Doktrinen des Thomismus darstellten und für die Lehre vorgeschrieben wurden. Auf den Widerstand v.a. der Jesuiten ist wohl zurückzuführen, dass Benedikt XV. die Angelegenheit dahingehend präzisiert hat, dass diese Thesen tutae normae directivae sind, es aber legitim ist, andere philosophische Thesen zu vertreten. Die Kirche kann nämlich kein philosophisches System zur Annahme vorschreiben, wohl aber kann sie beurteilen, ob ein solches System dem katholischen Glauben widerspricht oder nicht.

In diesen ersten Jahren des 20. Jhdt. setzte sich der Aufschwung an den katholischen Lehranstalten in Lehre und Forschung fort. Viele neue Studienzentren und Fachzeitschriften wurden gegründet, wertvolle theologische und philosophische Lehrbücher wurden verfasst. Mit dem Erstarken der katholischen Wissenschaft flammten allerdings auch alte Schulstreitigkeiten wieder auf. Vor allem Professoren aus dem Predigerorden und aus der Gesellschaft Jesu bekämpften sich wissenschaftlich oft unerbittlich. Aber auch Kontroversen mit eher reformorientierten Theologen wurden ausgefochten (siehe die Affäre um Hermann Schell). Nicht vergessen werden darf die Auseinandersetzung mit der akatholischen Wissenschaft dieser Zeit. Viele Publikationen von damals, v.a. von den Jesuitengelehrten, zeigen, dass man sich sehr wohl mit anderen philosophischen Strömungen, aber auch mit naturwissenschaftlichen Fragen beschäftigt hat. Natürlich aber hat der katholische Glaube die Grenzen abgesteckt. Was als wirklich mit dem Glauben unvereinbar erkannt wurde, wurde ohne weiteres zurückgewiesen. Eine tiefe Überzeugung der (meisten) damaligen Gelehrten war die Harmonie zwischen Glauben und Wissen, eine Überzeugung, die schon die großen mittelalterlichen Gelehrten teilten.

Die Lehrbücher aus der Anfangszeit des 20. Jhdts. wiesen bereits wieder eine strenge, im besten Sinne des Wortes „scholastische“ Form auf. Klarheit, Übersichtlichkeit, feste Struktur – das sind die Kennzeichen dieser Lehrbücher. Genau aus diesem Grund wurde in späteren Jahrzehnten so massive Kritik an der Neuscholastik laut. Man ging sogar soweit, zu behaupten, dass man nach der Lektüre eines einzigen neuscholastischen Lehrbuches in einem gewissen Sinne bereits alle gelesen hätte (so die Behauptung des Dogmatikers Wolfgang Beinert). Die hier behauptete Uniformität entspringt jedoch entweder einer blühenden Phantasie oder einer gewaltigen Unkenntnis (was ein Vergleich verschiedener Lehrbücher miteinander deutlich zeigt).

 


IV. Die weitere Festigung des Thomismus


Hatte die deutliche Bevorzugung der thomasischen Lehre mit der „Thomas-Enzyklika“ Leo XIII. ihren Anfang genommen, so erreichte sie mit Erscheinen des CIC im Jahre 1917 einen neuen Höhepunkt. Dort wurde allen Studenten der Theologie ein vorhergehendes zweijähriges Philosophiestudium vorgeschrieben und zwar nach Lehre und Prinzipien des hl. Thomas von Aquin. Auch das bedeutete jedoch nicht, dass etwa die Jesuiten ihre Lehrmeinungen in einigen Punkten, die von der thomasischen Doktrin abwichen, hätten aufgeben müssen. Der Aquinate war Hauptautorität und erster Orientierungspunkt, die Lehrfreiheit war aber dadurch nicht ausgeschaltet. So hat z.B. ein Großteil der Jesuiten in der Frage des Verhältnisses zwischen Natur und Gnade weiterhin unbeirrbar den molinistischen Standpunkt vertreten.

Aber auch Pius XI. führte den Kurs seiner Vorgänger fort und förderte v.a. den Thomismus stark (siehe Enzyklika Studiorum Ducem vom 29. Juni 1923 und Apostolische Konstitution Deus Scientiarum Dominus vom 24. Mai 1931).

Die historische Forschung schritt auch in diesen Jahren immer weiter fort. Der inzwischen greise Franz Kardinal Ehrle S.J. und viele jüngere Gelehrte aus Orden und Weltklerus erforschten viele Bereiche der mittelalterlichen Theologie und Philosophie, die bis dahin in nahezu vollständiges Dunkel gehüllt waren. Erwähnt seien hier nur Martin Grabmann, Franz Pelster S.J. und der spätere Bamberger Weihbischof Artur Michael Landgraf. Kritische Editionen vieler Texte, die bisher nur handschriftlich vorlagen, wurden in Angriff genommen. Damit wurde die Grundlage dafür geschaffen, die eigene Tradition immer besser kennenzulernen.

Allerdings kam es bereits in den 20er Jahren des 20. Jhdts. zu Entwicklungen, die aus heutiger Sicht nur unerfreulich sein konnten und richtungweisend für spätere Zeiten sein sollten. Es war der belgische Jesuit Joseph Marechal, der den Versuch unternahm, die thomasische Metaphysik kantianisch zu interpretieren. Er wollte damit wohl die scholastische Philosophie und Kant ein Stück weit miteinander versöhnen. Die Reaktionen auf Marechal waren unterschiedlich, es gab Ablehnung (auch von vielen Ordensbrüdern), aber auch Zustimmung. Eines ist sicher: Marechal hat einen neuen Weg beschritten, hat versucht, die scholastische Philosophie an Kant anzugleichen. Damit hat er auf viele spätere Philosophen (und auch Theologen), v.a. aus der Gesellschaft Jesu, einen massiven Einfluss ausgeübt. Bei der ganzen Angelegenheit ging es nicht so sehr um die Alternative Thomas oder nicht Thomas, sondern um die richtige Interpretation der Lehre des Aquinaten. Das wird ebenso deutlich in der Kontroverse zwischen dem Innsbrucker Dogmatiker Johann Baptist Stufler S.J. und einigen Vertretern aus Dominikanerorden und Weltklerus (Reginald Maria Schultes O.P., Bernhard Dörholt etc.). Auch Stufler war bis zu seinem Lebensende davon überzeugt, die richtige Thomasinterpretation geliefert zu haben, obwohl sie im Widerspruch zur thomistischen Tradition stand. Der Vorwurf an die thomistische Tradition, die Lehre des Aquinaten in vielen Punkten verfälscht zu haben, taucht also schon viele Jahre vor dem Auftreten von Männern wie Henri de Lubac S.J. auf, ebenso die Unterscheidung thomasisch – thomistisch, die bei strengen Thomisten Befremden auslöste und zurückgewiesen wurde.

 


V. Frühe Anzeichen der späteren Krise


Es wurde bereits erwähnt, dass schon in den 20er Jahren neue Wege in Philosophie und Theologie beschritten bzw. erprobt wurden. Sehr wahrscheinlich war es damals nicht abzusehen, wie verderblich diese neuen Wege sein konnten.

Die bereits im letzten Abschnitt erwähnten Neuerungen waren jedoch nicht die einzigen. Eine wichtige Rolle im Hinblick auf spätere theologische Entwicklungen spielt die sog. „Verkündigungstheologie“, als deren geistiger Vater und Begründer Josef Andreas Jungmann S.J. gilt, der in Innsbruck dozierte und auch einige seiner dortigen Mitbrüder für seine Sache gewinnen konnte (Hugo Rahner S.J., Franz Dander S.J. etc). Diese Verkündigungstheologie sollte unabhängig sein von der als zu starr und lebensfern empfundenen Schultheologie und anthropologisch ansetzen. Andere Theologen, die Jungmanns Grundanliegen zwar teilten, wie z.B. Michael Schmaus, waren jedoch nicht gewillt, sich für die radikale Trennung von Verkündigungs- und Schultheologie einzusetzen.

In den späten 30er Jahren betritt schließlich auch Karl Rahner S.J. die Bildfläche. In seinen frühen philosophischen Publikationen macht sich der Einfluss von Marechal, aber auch von Philosophen existentialistischer Prägung (Martin Heidegger etc.) deutlich bemerkbar. Geist in Welt ist eine abstruse Thomasinterpretation, die trotzdem einen großen Einfluss ausgeübt hat. Der Boden der Scholastik ist bereits verlassen, der Lehre des Aquinaten werden (wie schon bei Marechal und Stufler) Dinge übergestülpt, die ihr fremd sind. Statt zu Thomas selbst zurückzugehen, wie es Rahner und andere angekündigt haben, wurde die Lehre des Aquinaten bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt (auch wenn Rahner’s Epigonen dies bis auf den heutigen Tag hartnäckig leugnen). Aber nicht nur im Bereich der Philosophie, sondern ebenso in der Theologie schlagen Leute wie Rahner neue Wege ein. Hier war es besonders die Gnadenlehre, die umkonstruiert und umformuliert wurde. Der Kampf galt angeblichen Fehlentwicklungen in der nachtridentinischen Gnadentheologie, v.a. der Begriff der natura pura erschien nicht wenigen Theologen als großes Ärgernis. Man wollte weg von dem, was man als „Zwei-Stockwerke-Denken“ bezeichnet hat. Wieder berief man sich dabei auf den hl. Thomas von Aquin, v.a. auf den Begriff des desiderium naturale. Dass dabei der Unterschied zwischen Natur und Gnade verwischt wurde, was dem thomasischen Denken ferne liegt, schien nicht zu stören (diesem Problem wird ein eigener ausführlicher Artikel gewidmet).

 


VI. Der Weg in die neue Zeit


Das 1939 beginnende Pontifikat Pius XII. sollte das letzte sein, in dem die Scholastik im Allgemeinen und der Thomismus im Besonderen besondere Aufmerksamkeit und Förderung erfuhren. Keineswegs aber war Pius XII. ein Mann, der nur das Vergangene konserviert, im Gegenteil, er bringt eine vorsichtige Öffnung in die katholische Wissenschaft, die grundsätzlich sicher positiv zu bewerten ist, wenngleich sich später die neomodernistischen Neuerer ausgerechnet auf die Lehrschreiben des Pastor Angelicus berufen haben. Die Enzyklika Divino Afflante Spiritu aus dem Jahre 1943 eröffnet der Bibelwissenschaft neue Wege und erlaubt den vorsichtigen Gebrauch wissenschaftlicher Methoden, die bis zu diesem Zeitpunkt tabu waren. Aber auch die vielgescholtene Enzyklika Humani Generis aus dem Jahre 1950 zeigt Aufgeschlossenheit für neue wissenschaftliche Herausforderungen. Gleichzeitig aber ist dieses Lehrschreiben das letzte eindeutige päpstliche Bekenntnis zur scholastischen Wissenschaft. Neuere theologische Entwicklungen werden z.T. scharf kritisiert (Henri de Lubac S.J. wurde zwar nicht namentlich erwähnt, war aber sicher mitgemeint).

Ich vertrete die These, dass bei Erscheinen von Humani Generis die Transformation der katholischen Wissenschaft im Wesentlichen bereits abgeschlossen war, auch wenn vielerorts der Lehrbetrieb noch in den alten scholastischen Bahnen verlief. Sicher, es gab noch Theologen und Philosophen alten Schlages, wie z.B. Reginald Garrigou-Lagrange O.P., aber die Modernisierer hatten längst die Oberhand gewonnen. Rahner, Balthasar, de Lubac, Congar – das waren nach dem Krieg diejenigen, die den Ton angaben. Auch kirchliche Zensuren oder Verurteilungen konnten diese Entwicklung nicht aufhalten.

Die Parole hieß: zurück zu den biblischen und patristischen Quellen! Es kann nicht geleugnet werden, dass die Rückkehr zu den Quellen etwas durchaus Positives ist. Problematisch wird die Sache jedoch dann, wenn zu Gunsten bestimmter Quellen andere, die unbequemer erscheinen, vernachlässigt oder eliminiert werden. Ist nicht genau das geschehen? Gewiss, der verstärkte Rückgriff auf bisher ungenutzte Väterschriften ist etwas Lobenswertes. Aber es ist äußerst problematisch, unter Berufung auf diese Schriften z.B. gegen die nachtridentinische Theologie zu polemisieren, so als ob diese die Väter nicht gekannt oder benutzt hätte. Seltsam mutet es auch an, wenn Väterschriften o.ä. zur Stützung der eigenen neuen Thesen herangezogen werden. Man hat den Eindruck, dass in dieser neuen theologischen Richtung nicht mehr die Tradition als Ganzes im Auge behalten wurde, sondern streng selektiert wurde, je nachdem, ob eine Lehre in das eigene System passte oder nicht. So konnte es natürlich nicht ausbleiben, dass die Verbindung zwischen akademischer Theologie und kirchlichem Lehramt gelockert wurde. Nun nahmen sich immer mehr einzelne Theologen die Freiheit heraus, die Tradition zu beurteilen, ohne sich in allem am Lehramt zu orientieren.



VII. Das Ende der Neuscholastik


Nach dem Tode Pius XII. im Jahr 1958 galt es nur noch, die Entwicklung, die innerlich längst abgeschlossen war, auch nach außen hin durchzusetzen. Schließlich war es das II. Vaticanum, das den Untergang der Neuscholastik besiegelt hat, ohne sich mit auch nur einer Silbe diesbezüglich zu äußern. Man braucht nur die Dokumente des II. Vaticanums mit denen des I. Vaticanums vergleichen. Die bestechende Klarheit und Präzision, die den Texten des I. Vaticanums und auch früherer Konzilien eigen war, ist aufgegeben zu Gunsten einer oft vagen, zweideutigen und existentialistisch gefärbten Sprache. Der hl. Thomas von Aquin wird zwar im Dekret über die Priesterausbildung noch erwähnt, seine Position aber ist gegenüber früher stark abgeschwächt. Stattdessen wird die verstärkte Beschäftigung mit nichtchristlichen Denkrichtungen empfohlen.

Spätestens ab 1965 geht alles Schlag auf Schlag. Scholastische Theologie und Philosophie verschwinden endgültig aus den kirchlichen Studien. An ihre Stelle tritt eine wahre Flut von neuen Lehren und Lehrsystemen. Die katholische Wissenschaft ist endgültig zum Experimentierfeld revolutionärer Katholiken geworden. Es gibt keine Autorität mehr, an die der Großteil der Theologen sich noch gebunden fühlen würde. Selbst die Heilige Schrift wird nach eigenem Gutdünken uminterpretiert, sie muss sich den modernen Ideologien anpassen. Aus der Tradition finden auch wieder nur die Elemente Verwendung, die in das jeweilige eigene System passen. Natürlich sind die Neuscholastik und die Scholastik im Allgemeinen nicht völlig ausgestorben, einzelne Personen haben unbeirrt vom Spott ihrer Umwelt daran festgehalten. Und heute? Wie sieht es in unseren Tagen aus? Ich denke es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich seit einigen Jahren ein gesteigertes Interesse an der Scholastik feststellen lässt. Das ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, berechtigt aber noch keineswegs zu einem ungezügelten Optimismus. Die katholische Wissenschaft ist weit entfernt von einer Genesung. Und auch das kirchliche Lehramt macht praktisch keine Anstalten, wieder Ordnung in die Wissenschaft zu bringen. Man lässt den Dingen seinen Lauf und ist anscheinend (noch?) nicht gewillt, der Zerstörung Einhalt zu gebieten. Aber auch hier könnte in den folgenden Jahren noch viel möglich sein. Voraussetzung dafür wäre natürlich, dass Seine Heiligkeit ebenso beherzt vorgeht wie in anderen Bereichen. Es gibt noch Hoffnung!



Literatur:

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PEITZ, Detlef, Die Anfänge der Neuscholastik in Deutschland und Italien (1818-1870). Bonn 2006.

PESCH, Christian, Die Aufgabe der katholischen Dogmatik im zwanzigsten Jahrhundert. In: ZkTh 25 (1901) 269-283.

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