Martin Grabmann

Veröffentlicht auf von Bonaventura

In einem früheren Artikel habe ich bereits den berühmten Historiker P. Heinrich Suso Denifle O.P. vorgestellt. Heute lasse ich eine Beschreibung von Leben und Werk eines seiner größten Schüler folgen: Martin Grabmann. Seine Verdienste um die historische Erforschung des Mittelalters, insbesondere auch des hl. Thomas von Aquin und der Thomistenschule, sind gewaltig. Seine unzähligen Studien sind auch heute noch mit Gewinn zu lesen.

 


 

Martin Grabmann wurde am 5. Jänner des Jahres 1875 in Winterzhofen in der Oberpfalz als Sohn frommer Bauersleute geboren. Seine humanistischen Studien absolvierte er am Gymnasium in Eichstätt, darauf folgten die philosophisch-theologischen Studien am dortigen Bischöflichen Lyzeum. In Eichstätt hatte er u.a. Albert Stöckl in der Philosophie und den Thomisten Franz von Paula Morgott in der Dogmatik als Lehrer. Bereits diese Studien weckten sein tieferes Interesse an der lebendigen scholastischen Tradition und waren prägend für seinen weiteren Werdegang. Nach Abschluss des Studiums im Priesterseminar empfing er aus der Hand des damaligen Eichstätter Bischofs Franz Leopold Freiherr von Leonrod das hl. Sakrament der Priesterweihe. Anschließend wurde der junge Priester zwei Jahre lang an verschiedenen Orten in der Seelsorge eingesetzt. Da der Bischof aber die wissenschaftliche Begabung von Martin Grabmann erkannt hatte, schickte er ihn zu weiteren Studien nach Rom an die Anima. In der Ewigen Stadt erwarb er sich die akademischen Grade in Philosophie und Theologie und hatte dazu die Möglichkeit, sich in der Vatikanischen Bibliothek intensiven Studien hinzugeben. Auch nach seiner Rückkehr in die Heimat setzte er seine historischen Studien zur Erforschung der Scholastik fort, soweit seine Verpflichtungen als Seelsorger dies zuließen. Im Jahre 1906 berief ihn Bischof Leo von Mergel auf die dogmatische Lehrkanzel der Bischöflichen Hochschule in Eichstätt, wo er sieben Jahre lang lehrte. In dieser Zeit entstand sein berühmtes zweibändiges Werk Die Geschichte der scholastischen Methode, in dem er den Werdegang der katholischen Theologie von der Väterzeit bis ins frühe 13. Jhdt. hinein auf der Grundlage umfangreichen handschriftlichen Quellenmaterials dargestellt hat. Der geplante dritte band, der die Hochscholastik behandeln sollte, ist leider nie erschienen. Von 1913 bis 1918 lehrte Grabmann an der Theologischen Fakultät Wien Christliche Philosophie, bevor er kurz vor Kriegsende Professor für Dogmatik in München wurde. Dort forschte und lehrte er, bis im Jahre 1939 die Theologische Fakultät von den Nationalsozialisten gewaltsam geschlossen wurde. An der Heiligsprechung und der Erhebung zum Kirchenlehrer Alberts des Großen im Jahre 1931 durfte Grabmann vorbereitend durch Erstellung eines Gutachtens mitwirken. Während des Krieges erfolgte eine Umsiedlung nach Eichstätt, wo er ungestörter wissenschaftlich tätig sein konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er zwar wieder die Möglichkeit, an der wiedererrichteten  Theologischen Fakultät zu lehren, sein Gesundheitszustand gab jedoch immer mehr Anlass zur Sorge. Am letzten Tag des Jahres 1948 schließlich fesselte ihn ein Herzanfall ans Krankenbett. Am 9. Jänner 1949 ging er, gestärkt durch die Tröstungen der katholischen Kirche und umgeben von seinen Freunden, hinüber in eine bessere Welt.

Mit ihm hat die katholische Kirche einen ihrer gelehrtesten Männer der damaligen Zeit verloren. Martin Grabmann hat ein gewaltiges Lebenswerk hinterlassen. Das, was Heinrich Denifle O.P. und Franz Kardinal Ehrle S.J. begonnen haben, hat er weitergeführt und wohl sogar noch übertroffen. Durch sein intensives Handschriftenstudium ist er tief wie kaum ein anderer in die mittelalterliche Geisteswelt eingedrungen. Seine besondere Liebe galt zu jeder Zeit dem hl. Thomas von Aquin, den er liebte und verehrte. Dutzende der Studien Grabmanns beschäftigen sich mit dem Aquinaten und seinem Umfeld. Besonders auch auf dem Gebiet der Erforschung der frühen Thomistenschule, die die Lehren des doctor angelicus nach dessen Hinscheiden verteidigt hat, hat er Großes geleistet und viel Unbekanntes oder längst Vergessenes zu Tage befördert. Auch der von Kardinal Ehrle initiierten Erforschung des Verhältnisses zwischen Aristotelismus und Augustinismus in der zweiten Hälfte des 13. Jhdts. galt sein besonderes Interesse. Grabmanns Werke sind jedoch nicht nur vom historischen Standpunkt aus interessant, sondern ebenso vom systematischen, da sie ein gutes Eindringen in die zur Debatte stehenden philosophischen und theologischen Fragen selbst ermöglichen. Man merkt bei der Lektüre, dass Grabmann nicht einfach nur historische Beschreibungen bestimmter Epochen, Personen oder Lehren liefern wollte, sondern dass ihn auch selbst die Probleme und Fragen, vor denen schon die mittelalterlichen Gelehrten standen, mächtig beschäftigt haben. Das erweist ihn als echten Gelehrten. Er schränkt seine Arbeit nicht auf die historische Forschung ein, sondern verfolgt bei dieser zugleich auch immer ein systematisches Anliegen.

Seine Freunde und Schüler bezeugen, dass er, der große Gelehrte, sich sein ganzes Leben lang die einfache, kindliche Frömmigkeit seines Elternhauses bewahrt hat. Auch diese Eigenschaft hat er mit seinen beiden Lehrern Denifle und Ehrle gemeinsam. In ergreifender Weise bringt der Schlusssatz seines Testamentes seine Gesinnung zum Ausdruck:


„Ich empfehle meine Seele durch die Hände Mariens dem Dreieinigen Gott, dem ich von Herzen danke, dass ich aus einer guten katholischen Familie stamme, dass er mich trotz meiner Unwürdigkeit zum Priestertum und durch das Priestertum geführt hat, dass ich mit Gottes Hilfe auf dem rechten Weg des heiligen Glaubens geblieben bin und für die katholische Kirche und Wissenschaft arbeiten konnte, dass ich als Professor der Theologie besonders auch die Lehre des hl. Thomas von Aquin, dessen Namen ich als Mitglied des Dritten Ordens des hl. Dominikus trage, in Wort und Schrift verkünden konnte.“

 

Mögen diese wenigen Zeilen dazu dienen, an einen großen Neuscholastiker zu erinnern und ins Gedächtnis zu rufen, dass auch die heute verabscheute Neuscholastik wissenschaftliche Höchstleistungen zu bringen imstande war. Wer Zweifel daran hat, dem sei mit dem hl. Augustinus empfohlen: tolle et lege!

 

 

Literatur von Martin Grabmann (Auswahl):

1. Der Gegenwartswert der geschichtlichen Erforschung der mittelalterlichen Philosophie. Akademische Antrittsvorlesung. Freiburg (u.a.) 1913.

2. Der göttliche Grund menschlicher Wahrheitserkenntnis nach Augustinus und Thomas von Aquin. Münster 1924.

3. Die Geschichte der katholischen Theologie seit dem Ausgang der Väterzeit. Mit Benützung von M.J. Scheebens Grundriß dargestellt. Freiburg 1933.

4. Die Geschichte der scholastischen Methode. 2 Bde. Freiburg i. Breisgau 1911-1912.

5. Die Kulturphilosophie des hl. Thomas von Aquin. Augsburg 1925.

6. Die philosophische und theologische Erkenntnislehre des Kardinals Matthäus von Aquasparta. Ein Beitrag zur Geschichte des Verhältnisses zwischen Augustinismus und Aristotelismus im mittelalterlichen Denken. (Theologische Studien der Leo-Gesellschaft Bd. 14). Wien 1906.

7. Die theologische Erkenntnis- und Einleitungslehre des heiligen Thomas von Aquin auf Grund seiner Schrift in Boethium de trinitate. (Thomistische Studien Bd. IV). Freiburg i.d. Schweiz 1948.

8. Die Werke des hl. Thomas von Aquin. Eine literarhistorische Untersuchung und Einführung. Hg. Richard Heinzmann. (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters Bd. XXII, Heft 1/2). Münster 1967.

9. Mittelalterliches Geistesleben. Abhandlungen zur Geschichte der Scholastik und Mystik. 3 Bde. München 1926-1956.

10. Thomas von Aquin. Persönlichkeit und Gedankenwelt. Eine Einführung. München 81949.

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