Ein Leben für die Wissenschaft - in memoriam Franz Kardinal Ehrle S.J. (1845-1934)

Veröffentlicht auf von Bonaventura

Heute jährt sich zum 75. Male der Todestag des großen Historikers und Bibliothekars Franz Kardinal Ehrle S.J. Ein Blick auf Leben und Werk des Jesuiten zeigt einen frommen Priester und großen Wissenschaftler. Er war einer der verdientesten Erneuerer der katholischen Wissenschaft im Anschluss an die Enzyklika Aeterni Patris Papst Leo XIII. Seinem Andenken seien diese Zeilen gewidmet.



Franz Ehrle S.J. als Priester der Gesellschaft Jesu

 

 

Franz Ehrle wurde am 17. Oktober des Jahres 1845 im württembergischen Isny als Sohn einer Arztfamilie geboren. Nach vollendeter Schulzeit am Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch trat er 1861 ins Jesuitennoviziat zu Gorheim ein. Auf das Noviziat folgten die philosophischen Studien in Maria Laach und die theologischen Studien im englischen Ditton-Hall. Im Jahre 1876 empfing er die hl. Priesterweihe, auf die eine kurze Tätigkeit als Seelsorger in England folgte. Im Anschluss daran wurde er vom Orden nach Schloss Tervueren bei Brüssel gesandt, wo zu dieser Zeit die Stimmen aus Maria Laach ihren Sitz hatten. In dieser Zeitschrift veröffentlichte der junge Pater Ehrle im Jahre 1880 seine ersten Artikel, einen über die Enzyklika Aeterni Patris Papst Leo XIII. und einen weiteren über den hl. (damals noch seligen) Albertus Magnus. Noch im selben Jahr, in das auch die Öffnung des Vatikanischen Archivs durch Papst Leo XIII. fällt, wurde P. Franz Ehrle S.J. nach Rom berufen. Fast gleichzeitig mit ihm traf auch P. Heinrich Suso Denifle O.P., der sein langjähriger wissenschaftlicher Weggefährte werden sollte, in Rom ein. In den folgenden Jahren unternahm P. Ehrle große Bibliotheksreisen in verschiedene Länder, auf denen er nicht nur wertvolle Bekanntschaften mit Bibliothekaren und Forschern machte, sondern sich ebenso herausragende paläographische Kenntnisse aneignete, die für das Handschriftenstudium unerlässlich sind. Im Jahre 1885 begründete P. Ehrle zusammen mit P. Denifle das Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters, von dem bis zum Jahre 1900 sieben stattliche Bände erschienen sind. In dieser Zeitschrift hat P. Ehrle viele herausragende und bahnbrechende Arbeiten veröffentlicht, so z.B. über die mittelalterliche Spiritualen-Bewegung, über den Franziskanertheologen Petrus Johannis Olivi und über das Verhältnis zwischen Augustinismus und Aristotelismus im 13. Jahrhundert. Nach dem Tod von Isidoro Carini im Jahre 1895 ernannte Papst Leo XIII. P. Ehrle zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek, die unter seiner Leitung reorganisiert und modernisiert wurde. Den Gelehrten aus aller Welt wurden die Arbeitsbedingungen an der Vaticana bedeutend erleichtert. Nach fast zwanzigjähriger Tätigkeit als Präfekt dieser Bibliothek übergab P. Ehrle die Leitung der Bibliothek an Achille Ratti, der acht Jahre später als Pius XI. die Kathedra Petri besteigen sollte, und kehrte nach Deutschland zurück. Hier betrieb er vor allem in München Studien zur Spätscholastik. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs kehrte er schließlich nach Rom zurück, hielt am päpstlichen Bibelinstitut Vorlesungen über Paläographie und gründete an der Gregoriana einen Lehrstuhl für die Geschichte der Scholastik. Papst Pius XI. schmückte ihn im ersten Konsistorium seines Pontifikats im Dezember des Jahres 1922 mit dem Kardinalspurpur. Seine Titeldiakonie war San Cesareo in Palatio. Zum 80. Geburtstag überreichte ihm Papst Pius XI. im Rahmen eines Festaktes persönlich eine fünfbändige Festschrift mit dem Titel Miscellanea Francesco Ehrle. Nach dem Tode des Benediktinerkardinals Francis Aidan Gasquet im Jahre 1929 wurde Franz Kardinal Ehrle S.J. zum Kardinalarchivar und –bibliothekar der Römischen Kirche ernannt. Obwohl er bereits das Greisenalter erreicht hatte, stand er weiterhin unermüdlich im Dienste der Wissenschaft. Bis in seine letzten Lebenswochen arbeitete er, obwohl bereits fast erblindet, an einem Werk über die Statuten der theologischen Fakultät der Universität Bologna aus dem Jahre 1364. Am 31. März 1934 schließlich, in den frühen Morgenstunden des Karsamstags, gab er seine Seele dem Schöpfer zurück.

 

Damit ist ein Leben zu Ende gegangen, das ganz im Dienste der Wissenschaft stand. P. Ehrle hat frühzeitig erkannt, dass die historische Forschung einen unverzichtbaren Bestandteil der neuscholastischen Erneuerungsbewegung darstellt. Niemals aber hätte er sich dazu verstiegen, im Namen der historischen Forschung bestimmte theologische Autoritäten oder gar Glaubenswahrheiten zu relativieren. Er war ein eherner Verfechter der aristotelisch-scholastischen Philosophie und ein großer Freund des hl. Thomas von Aquin. Sein Forschen war vom dem Gedanken beseelt, dass es notwendig ist, die katholische Tradition immer besser und umfassender kennenzulernen, wenn es wirklich zu einer Erneuerung in Theologie und Philosophie kommen soll (ein Grundsatz, den die Neuscholastik weitaus besser befolgt hat als die moderne Theologie). Hinter dem steht ein gesundes Fortschrittsdenken, das auch vielen anderen neuscholastischen Gelehrten eigen ist. Es ist ein Denken, das sich dem Fortschritt nicht verschließt, aber die Grenzen anerkennt, die ihm der katholische Glaube absteckt. So war Franz Ehrle S.J. gleichzeitig ein frommer und bescheidener Priester, ein hervorragender Wissenschaftler, der Mitglied von sieben wissenschaftlichen Akademien und Ehrendoktor von sieben Universitäten, darunter Oxford und Cambridge, war und ein treuer Sohn der heiligen katholischen Kirche. Auch nichtkatholische Gelehrte haben seine Verdienste vorbehaltlos anerkannt.

 

Gerade in unserer Zeit, die ein halbes Jahrhundert systematischer Zerstörung von katholischer Theologie und Philosophie hinter sich hat, ist es nützlich, gelegentlich auf große Gestalten der Vergangenheit zu blicken, die weithin der Vergessenheit anheim gefallen sind. Die Prinzipien, nach denen sie gelebt und gearbeitet haben, können auch dem Katholiken des 21. Jahrhunderts als Orientierungspunkte dienen. Franz Kardinal Ehrle S.J. ist dabei ein Paradebeispiel eines Katholiken, in dem eine Harmonie zwischen Glaube und Wissen herrscht. Damit steht er in einer großartigen Tradition katholischen Denkens, die eben diese Harmonie immer vertreten hat.


Seine Eminenz Franz Kardinal Ehrle S.J.

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