Pater Heinrich Suso Denifle O.P.

Veröffentlicht auf von Bonaventura

Heute möchte ich einen der bedeutendsten katholischen Wissenschaftler des 19. und beginnenden 20. Jhdts. vorstellen: P. Heinrich Suso Denifle O.P.

 

 

Joseph Denifle wurde am 16. Jänner des Jahres 1844 zu Imst im Tiroler Oberinntal geboren. Nach einer mehrjährigen Gymnasialzeit in Brixen trat er im Alter von 17 Jahren zu Graz in den Predigerorden ein und erhielt den Ordensnamen Heinrich Suso. Nach Absolvierung des Noviziatsjahres begann er seine philosophischen und theologischen Studien im Hausstudium seines Klosters. Am 22. Juli 1866, noch vor Beendigung seiner theologischen Studien, wurde er von Graf Ottokar Attems, dem Fürstbischof von Seckau, zum Priester geweiht. Nach kurzem Wirken im Dominikanerkloster Kaschau wurde er zum Vertiefungsstudium nach Rom geschickt, wo der spätere Kardinal P. Thomas Zigliara O.P. sein Lehrer war. In den folgenden Jahren wurden P. Denifle Lehraufträge an verschiedenen Orten erteilt, bis er schließlich 1877 in Rom das Magisterexamen ablegte. Seine Tätigkeit in diesen Jahren beschränkte sich aber keineswegs auf das akademische Gebiet. So war er u.a. als Domprediger in Graz und als Beichtvater tätig. Die 1872 publizierte Predigtsammlung „Die katholische Kirche und das Ziel der Menschheit“ lässt erahnen, über welch vorzügliche Rednergabe P. Denifle verfügte.

Das erste Gebiet, auf dem sich P. Denifle größte wissenschaftliche Verdienste erworben hat, ist das der mittelalterlichen deutschen Mystik. Es entstanden Arbeiten zu bestimmten historischen Fragen, aber auch Editionen von Werken mittelalterlicher Mystiker (z.B. die deutschen Schriften des sel. Heinrich Seuse). Wichtig ist auch, dass P. Denifle den hartnäckig behaupteten Gegensatz zwischen Scholastik und Mystik als unrichtig erwiesen hat. Eingehende Quellenstudien zeigen, dass alle großen mittelalterlichen Mystiker auf dem Boden der scholastischen Theologie standen. Auch die Erforschung der Schriften Meister Eckharts hat durch P. Denifle mächtige Fortschritte gemacht.

Nach seiner Berufung als Generaldefinitor seines Ordens nach Rom im Jahre 1880 wurde P. Denifle in die Kommission für die Neuausgabe der Werke des hl. Thomas von Aquin berufen. Bibliotheksreisen führten ihn in den folgenden Jahren quer durch ganz Europa. 1883 folgte die Berufung zum Sotto-Archivista des vatikanischen Archivs durch Papst Leo XIII. Die Beschäftigung mit Joachim von Fiore und dem sog. Evangelium aeternum veranlasste ihn, sich eingehend mit der Entstehung der mittelalterlichen Universitäten zu befassen. Geplant war ein großes Werk in fünf Bänden, von denen jedoch nur der erste erschienen ist. Das Werk hat in der Fachwelt allgemeine Anerkennung gefunden. Der Erfolg dieses Werkes mag ein Grund dafür gewesen sein, dass die französische Regierung P. Denifle die Edition des Chartularium Universitatis Parisiensis anvertraute. Innerhalb von zehn Jahren sind vier Bände Chartularium und zwei Bände Auctarium Chartularii erschienen (Mitherausgeber war Emil Chatelain).

Neben diesen großen Editionen sind im Laufe der Jahre auch viele kleinere Abhandlungen zu verschiedenen Themen entstanden. Im Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters, das P. Denifle zusammen mit P. Franz Ehrle S.J. gegründet hat, finden wir eine Vielzahl von Arbeiten P. Denifles zur Geschichte der Scholastik, zur Ordensgeschichte, Papstgeschichte u.v.m. Aus jeder Arbeit sprechen seine akribisch genaue Arbeitsweise und ein immenser Forscherfleiß.

Das letzte Werk, das Denifles Feder entsprungen ist und nach seinem Tode noch von seinem Mitbruder Albert Maria Weiß O.P. fortgeführt wurde, befasst sich mit Martin Luther und der Reformation. Bei aller Kritik, die P. Denifle von vielen Seiten für dieses Werk geerntet hat (vor allem wegen des sehr harten polemischen Tons), lässt sich schwer leugnen, dass der streitbare Dominikaner sich damit große Verdienste um die Lutherforschung erworben hat. Viele Korrekturen an der Weimarer Luther-Ausgabe sind ihm zu verdanken. Auch die protestantischen Theologen, die im Allgemeinen auf P. Denifle nicht gut zu sprechen waren, haben seine Leistungen anerkannt (Kawerau, Köhler u.a.). Sehr bemerkenswert und aufschlussreich ist auch der kurz vor seinem Tod vollendete Ergänzungsband Die abendländischen Schriftausleger bis Luther über Iustitia Dei (Rom. 1, 17) und iustificatio. Beitrag zur Geschichte der Exegese, der Literatur und des Dogmas im Mittelalter., der einen tiefen Einblick in die katholische Rechtfertigungslehre vor Luther gewährt.

Am 14. Juni des Jahres 1905 sollte Heinrich Suso Denifle O.P. die Ehrendoktorwürde der Universität Cambridge entgegennehmen. In München, wo er einen Zwischenstopp einlegte, ereilte ihn ein Schlaganfall, an dessen Folgen er am 10. Juni 1905, wohlversehen mit der hl. Ölung, starb.

Sein Tod war nicht nur für die katholische Kirche, sondern für die Gelehrtenwelt überhaupt, ein schwerer Verlust. Kaum einer seiner Zeitgenossen verfügte über so ausgezeichnete Kenntnisse und Fähigkeiten wie er. Viele seiner Veröffentlichungen waren bahnbrechend und konnten als Grundlage für weitere Forschungen fungieren. Leider hat P. Denifle viele geplante wissenschaftliche Projekte nicht verwirklicht, so z.B. einen literarhistorisch-quellenkritischen Kommentar zur theologischen Summe des hl. Thomas von Aquin. Dennoch hat P. Denifle seiner Nachwelt ein gewaltiges Werk hinterlassen, das Bewunderung verdient. Mag manches von der neueren historischen Forschung überholt sein, so gibt es doch viele Ergebnisse der Forschungen P. Denifles, die heute ebenso wie vor 100 Jahren noch Gültigkeit beanspruchen können. Auch sein Lutherwerk ist keineswegs der Auswuchs einer verbohrten katholischen Ideologie, wie in späteren Jahren oft behauptet wurde.

P. Heinrich Suso Denifle O.P. war ein Mann, in dem sich Wissenschaft und kindliche Frömmigkeit in idealer Weise verbunden haben. Den modernen Widerspruch zwischen Vernunft und Glaube gab es bei ihm nicht.


Literatur von P. Heinrich Suso Denifle O.P. (Auswahl):

1. Das geistliche Leben. Deutsche Mystiker des 14. Jahrhunderts. Herausgegeben und eingeleitet von P. Albert Auer OSB. Salzburg – Leipzig 21936.

2. Die abendländischen Schriftausleger bis Luther über Justitia Dei (Rom. 1, 17) und Justificatio. Beitrag zur Geschichte der Exegese, der Literatur und des Dogmas im Mittelalter. Mainz 1905.

3. Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400. Berlin 1885 (Repr. Graz 1956).

4. Die katholische Kirche und das Ziel der Menschheit. Graz 21906.

5. Luther und Luthertum in der ersten Entwicklung. 2 Bde. Band 2 bearbeitet von Albert Maria Weiß O.P. Mainz 1904-1909.

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