Neuscholastik - Teil 1: Prolegomena
Die Neuscholastik – von wenigen „reaktionären“ Köpfen innig geliebt, von der großen Masse der katholischen Theologen unserer Tage aber zutiefst verachtet. An dieser Epoche und Denkrichtung scheiden sich die Geister, das lässt sich ohne jede Übertreibung sagen. Dass dabei Emotionen in nicht unbeträchtlichem Umfang eine Rolle spielen ist leicht aus den meist pauschalen Aburteilungen der Neuscholastik von Seiten moderner Theologen erkennen. In Publikationen und Vorlesungen lässt man nicht nach, die Theologie vergangener Tage bewusst in ein negatives Licht zu rücken. Auf den von den modernen Theologen sonst bei nahezu jeder Gelegenheit propagierten Grundsatz, „dass man die Sache differenziert sehen müsse“, wird natürlich verzichtet. Auch auf einen „Dialog“ – ein ebenfalls vielgepriesenes Wort! – mit der Neuscholastik glaubt man sich nicht einlassen zu müssen, wohl aber auf den mit sämtlichen modernen Philosophien und Ideologien. Diese Tatsache muss unweigerlich zu der Frage führen, warum die Neuscholastik von diesen Theologen nicht nur gemieden, sondern so sehr bekämpft wird, wobei man gleichzeitig so tut, als könne man die Neuscholastik mit ein paar Floskeln erledigen. Warum der Kampf, wenn man es mit einem Gegner zu tun hat, der schon lange endgültig erledigt zu sein scheint? Könnte es nicht sein, dass man in modernen Theologenkreisen nichts mehr fürchtet als die Rückkehr zur scholastischen Tradition? Wenn man bedenkt, wie gereizt diese Kreise für gewöhnlich auf kirchliche Rückbesinnungen auf die Tradition im praktischen Bereich (v.a. der Liturgie) reagieren, dann gewinnt eine positive Antwort auf die Frage schlagartig an Plausibilität. Rückkehr zur Tradition – das widerspricht völlig dem Lebensgefühl der Theologen der 68er oder post-68er Generation (und somit meist auch dem ihrer Schüler). Tradition wird als Synonym für ein starres, am kirchlichen Lehramt fixiertes und geknechtetes Denken verwendet, das nicht das des modernen Menschen ist. Der scholastische Begriff einer objektiven Wahrheit ist zum Inbegriff von Intoleranz und Fundamentalismus geworden.
Diese wenigen Bemerkungen deuten bereits an, dass der Niedergang der Neuscholastik, wie er sich im 20. Jhdt. vollzogen hat, eng zusammenhängt mit dem Niedergang in praktisch allen Bereichen kirchlichen Lebens. Und so ist auch klar, dass es nicht nur Aufgabe der nächsten Jahrzehnte sein wird, den Gottesdienst und das Frömmigkeitsleben wiederherzustellen, sondern auch die wissenschaftliche Theologie und (christliche) Philosophie zu restaurieren. Dazu aber ist es nötig, die richtigen Anknüpfungspunkte zu finden, wozu wiederum eine genaue Kenntnis der „vorkonziliaren“ katholischen Wissenschaft unerlässlich ist. In diesem Zusammenhang leistet z.B. David Berger mit seinen hochkarätigen und differenzierten Studien seit Jahren hervorragende Arbeit. Er macht deutlich, dass es nicht um die bloße Wiederherstellung eines bestimmten früheren Zustandes gehen kann, sondern dass prinzipiell der Anschluss an die lebendige Tradition der katholischen Theologie wieder gefunden werden muss, d.h. es geht nicht einmal so sehr darum, Thomas von Aquin oder Francisco Suarez in allen ihren Lehren zu folgen (obwohl auch dieser Weg nicht illegitim wäre), sondern um einen gesunden Respekt vor Lehren und Gelehrten der Vergangenheit. Vor allem muss man sich davor hüten, etwa einen Kirchenlehrer wie den hl. Thomas von Aquin für eigene Zwecke zu missbrauchen und willkürlich modern zu interpretieren (wie es etwa Karl Rahner S.J. und Henri de Lubac S.J. getan haben).
Ich bin der Meinung, dass es gerade für einen Neuscholastiker unserer Tage von immenser Wichtigkeit ist, „seine“ Epoche sowohl historisch wie auch systematisch intensiv zu erforschen. Oberflächlichkeit ist niemals ein Indiz für Wissenschaftlichkeit. Nur mit einer wirklich wissenschaftlichen Vorgehensweise ist es möglich, dem „Feind“ Paroli zu bieten.
Die Artikelserie, die mit vorliegender Arbeit startet, soll einige Ergebnisse meiner Privatstudien zum Thema Neuscholastik zum Ausdruck bringen. Ich verzichte auf Fuß- bzw. Endnoten, werde dafür aber am Ende jedes Artikels Literatur angeben, so dass jeder Interessierte die Möglichkeit hat, sich näher mit der Materie zu befassen. Wie bereits im Artikel über die neuscholastische Literatur angedeutet, komme ich von der suaresianisch-molinistischen Schulrichtung her, wie sie in der Gesellschaft Jesu bis ins 20. Jhdt. hinein vorherrschend war. Trotzdem bin ich bemüht, Einseitigkeiten in meinen Darlegungen zu vermeiden. Das dürfte so schwer nicht sein, da mir schon seit einigen Monaten vor allem die Lektüre der Werke von P. Reginald Garrigou-Lagrange O.P. die Schönheit und den Reiz des strengen Thomismus erschließt. Und so möchte ich weder mich selbst, noch sonst einen Menschen vor die absolute Alternative Thomismus – Suaresianismus stellen. Beide Schulrichtungen (zudem sind es ja nicht die einzigen) haben ihre Berechtigung und auch ihre Stärken und Schwächen. Gemeinsam aber ist ihnen eine unerschütterliche Liebe zur Wahrheit, die Gott selber ist und zu Papst und Kirche.
So hoffe ich, dass meine kleinen Artikel einen ersten Einblick in das spannende Thema Neuscholastik zu geben vermögen. Kritik an meinen Ausführungen ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht, da kein Mensch dagegen immun ist, Fehler zu machen.